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In 30 Jahren ... Ein Szenario


von Bernhard Kaiser

In den 30er Jahren des 21. Jahrhunderts wird die Generation derer, die jetzt in den Führungsetagen sitzen, zu Grabe getragen. Es ist die Generation, die nach 1945 geboren ist und vor deren Augen das Wirtschaftswunder stattgefunden hat. Sie hat in ihrer Jugend ein stetiges Wachstum des Wohlstandes erlebt. Es ist die Generation, die 1968 rebelliert und demonstriert und in den Jahren danach an den Ostermärschen der Friedensbewegung teilgenommen hat. Es ist die Generation der Kommunarden, der Konkubinate und der Serienehen. Es ist die Generation, die Kinder als Armutsrisiko verstanden und abgetrieben hat, und nun vereinsamt in kostspieligen Wohn- und Pflegeeinrichtungen für Senioren dem Tod entgegenlebt.

In dreißig Jahren ist Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ und Autor von Das Methusalem-Komplott (2004) und Minimum (2006), der uns heute die Folgen der demographischen Veränderungen anschaulich vor Augen führt, wenn er es erlebt, 77 Jahre alt. Wenn er getan hat, was er heute sagt, lebt er erst seit zwei Jahren im Ruhestand. Es ist die Zeit der agilen Alten. Sehen wir's mal optimistisch: Nicht nur in den Alterssiedlungen, sondern auch in städtischen Wohngebieten und selbst in Dörfern versuchen Selbsthilfegruppen von über 75jährigen, die Zustände einigermaßen erträglich zu halten, indem sie den Mangel an Pflegekräften zu lindern helfen und nicht ohne innere Genugtuung ihre einstige Kompetenz ihrer sterbenden Generation zugute kommen lassen. Für alle, denen die Zeit für die peinlichen Plattitüden des Fernsehens zu schade ist, organisiert der im Jahre 2020 pensionierte Studienrat in der Altensiedlung Lesungen aus Thomas Manns Zauberberg oder Siegfried Lenz' Deutschstunde. Gemeinsames Musizieren? Dazu fehlen die Leute; die Musik kommt aus der Stereoanlage. Sogar einen kleinen Bibelkreis gibt es in der Altensiedlung. Ein Ingenieur leitet ihn, kein Pfarrer. Man trifft sich im Andachtsraum, der seit über 30 Jahren Vertretern aller Religionen zur Verfügung gestellt wurde. Die Bevölkerungszahl ist deutlich zurückgegangen. Die skandalös hohe Zahl von Abtreibungen, die Ehescheidungen und die instabilen Beziehungen rächen sich durch Alterseinsamkeit. Wer in diesem Umfeld noch Besuch von Kindern oder Enkeln erhält oder an Familienfeiern teilnehmen kann, wird beneidet.

In den christlichen Kirchen rächt sich die jahrzehntelange Mißachtung des Wortes Gottes im 20. Jahrhundert. Jene, die bei der Jahrtausendwende noch lebten, die noch in christlichen Elternhäusern aufgewachsen waren oder sich in den 50er Jahren beim Janz-Team zum christlichen Glauben bekehrt und die nie Verständnis hatten für das Halligalli der postmodernen evangelikalen Gemeinden, sind schon lange heimgegangen. Das waren seinerzeit die konservativen in den Gemeinschaften und Freikirchen, die weder den Toronto-Segen noch Willow Creek und Saddleback brauchten. Sie starben einfach aus. Die Gemeinden, die vor der Jahrtausendwende auf jeder neuen Welle aus Amerika surften, kollabierten einige Jahre später ganz von selbst. Gesetz und Evangelium waren für sie keine Themen, ihre Predigten kreisten nicht um Sünde und Rechtfertigung, sondern um gelingende Beziehungen, zielorientiertes Leben und Wohlfühlangebote. Zwischenzeitlich haben der Fortschritt der Psychologie, die wachsende Kompetenz von Beratungszentren und neue Lebensformen nach der Art großer Wohngemeinschaften den Bedarf an Gemeinden ersetzt. Die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt erstickte das christliche Engagement der nachfolgenden Generation. Ihre Kinder sahen nicht ein, warum sie ihr sauer verdientes Geld für christlichen Mumpitz ausgeben sollte. So schrumpften ehemals große evangelikale Gemeinden zu religiösen Begegnungs- und Unterhaltungsstätten zusammen. Für ein authentisches christliches Zeugnis am Ort sind sie seit langem bedeutungslos. Antworten auf die Fragen ihrer Kinder nach der Begründung von Werten und der Verläßlichkeit des christlichen Glaubens gibt es seit langem nicht.

Die Evangelische Kirche in Deutschland ist als Organisation noch da. Die meisten Landeskirchenämter sind geschlossen. Der drastische Rückgang der Finanzen durch die demographische Entwicklung und durch die nach wie vor zahlreichen Kirchenaustritte zwang zur Konzentration in der Verwaltung und zur Streichung vieler Pfarrstellen. Es gibt noch einige Pfarrerinnen und ganz wenige Pfarrer, die eine religiös-rituelle Grundversorgung anbieten, aber kommerzielle Anbieter für Trauungen und Beerdigungen beherrschen längst den Markt. Nur noch wenige Kinder werden getauft. Regelmäßige Gottesdienste am Sonntagmorgen finden mangels Teilnehmer nur noch hie und da statt. Der Katholizismus ist mit Abstand die stärkste formal-christliche Stimme, obwohl auch er an geistiger Kraft, Mitgliedern und öffentlichem Einfluß verloren hat. Ein theologischer Unterschied zwischen der EKD und der römischen Kirche ist nicht mehr auszumachen.

Das Straßenbild der Großstädte ist geprägt von jungen Moslems. Die zahllosen Mädchen türkischer Abstammung, die sich um die Jahrtausendwende mit dem Kopftuch zu ihrer Religion bekannten, sind nun Mütter von vielen Kindern, die sich in den Straßen tummeln. Die halbherzigen Integrationsbemühungen früherer Regierungen haben dazu geführt, daß die sozialen Spannungen in manchen Großstädten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt haben. Die Idee, den Islam zu verwestlichen, ist gescheitert. Die wirtschaftliche Stagnation läßt kein Geld übrig, um wirksame Lösungen durchzusetzen. Die Korruption in Regierungskreisen hat ohnehin die Glaubwürdigkeit der Volksvertreter zerstört.

Christliche Positionen in der Öffentlichkeit? Fehlanzeige. Es ist eher Zufall, wenn ein praktizierender Christ in ein öffentliches Amt gewählt wird. Viele Kirchengebäude sind geschlossen und werden nicht mehr genutzt, andere sind verkauft und zu Geschäfts- und Begegnungszentren umgewandelt, andere sind verfallen und nicht wenige von islamischen Vereinen gekauft und zu Moscheen umgewidmet worden. Der Islam drängt mit Macht in die Öffentlichkeit. Wird ein Moslem Christ, kommt es zu Aufruhren. Nicht wenige Konvertiten wurden bereits ermordet und niemand konnte dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Das protestantische Christentum lebt vorwiegend in Hausgemeinden. Nur an einigen Orten gelang es Kreisen von Christen, eines der vielen zum Verkauf angebotenen Kirchengebäude zu erwerben. Da trifft man sich noch und muß sich mit einem Staat auseinandersetzen, der die öffentliche Äußerung der Religion zurückdrängen muß, um den gesellschaftlichen Frieden zwischen dem aufstrebenden Islam und den Restbeständen des Christentums einigermaßen zu wahren.





Ich habe versucht, ein Szenario als Momentaufnahme zu zeichnen, wie es nach dem, was gegenwärtig an Daten erhältlich ist, zum Lebensende meiner Generation zu erwarten ist. Doch wir können nicht hellseherisch in die Zukunft blicken. Unvorhergesehenes kann geschehen und den Lauf der Dinge anders gestalten. Es ist aber zu befürchten, daß der wachsende Einfluß des Islam durch die wachsende Zahl seiner Anhänger zum Ende unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und zur Einschränkung der Religionsfreiheit führt. Das kann bei den gegenwärtigen demographischen Daten schon zur Mitte unseres Jahrhunderts der Fall sein. Selten gehen solche Veränderungen friedlich vonstatten. Die Krawalle, die vor einigen Monaten in den französischen Städten stattfanden, sind nur die Vorboten für tiefere gesellschaftliche Konflikte. Sie werden auch nach Deutschland kommen, wenn die Regierung die Integration nur mit Deutschunterricht und guten Worten erreichen will.

Wenn uns der dreieinige Gott nicht eine Reformation gibt, ist das christliche Abendland bald Geschichte. Was noch an Fassaden steht, zerfällt vor unseren Augen. Reformation aber heißt: Gottes Wort muß als Gesetz und Evangelium wieder in die Gemeinden und in die Öffentlichkeit. Gebe Gott offene Türen!