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Ein wahrhaft ökumenisches Buch

Die Nachfolge Christi von Thomas von Kempen - eine Rezension von B. Kaiser

Ein wahrhaft ökumenisches Buch ist die Nachfolge Christi von Thomas von Kempen (1380-1471). Das wird schon daran deutlich, daß es katholische und protestantische Übersetzungen gibt, wie die von Johann Michael Sailer (1751-1832), den man als katholischen Evangelikalen bezeichnen kann, und eine Übersetzung von Johannes Evangelista Goßner (1773-1858), der von Sailer geprägt war, aber zum Protestantismus konvertierte und ein Führer der Erweckungsbewegung und Gründer der Goßnerschen Mission wurde. Protestantische Übersetzungen haben bekanntlich anstößige katholische Elemente ausgelassen oder entschärft.

Thomas von Kempen gehörte über siebzig Jahre lang einem Kloster bei Zwolle an und beschäftigte sich mit der Abschrift der Bibel und unter anderem der Werke des Mystikers Bernhard von Clairvaux. Er ist der geistigen Tradition der Brüder vom gemeinsamen Leben und der Devotio moderna zuzuordnen. Praktische, bibelnahe Frömmigkeit kennzeichnet sein Denken. Doch die Nähe zur Bibel bedeutet nicht, daß er die Bibel wirklich verstanden hätte. Seine Nachfolge Christi bietet - ähnlich wie die frühen Werke Luthers - Mönchstheologie: Demut, Selbstverleugnung, Nachahmung Christi in Kreuz und Leiden, Abtötung der Sünden und die Einkehr der Seele in Gott sind die Themen seines Bestsellers. Der biblische Begriff "Nachfolge" lautet ja im lateinischen Titel des Buches "Nachahmung" (imitatio). Die so verstandene Nachfolge hat Jesus nur als Beispiel und Muster für die praktisch vom Menschen zu leistende Frömmigkeit.

Das Buch ist bestens geeignet, um einem Menschen, der mit Ernst Christ sein möchte, ein schlechtes Gewissen zu machen. Es gibt ihm das Gefühl, immer noch nicht genug getan zu haben, um Christus ähnlicher zu werden. Es weckt vielleicht die Sehnsucht, doch so demütig und rein wie Jesus zu sein, aber es scheitert an der Wirklichkeit der Sünde, die jedem Menschen anhaftet. Es kann keinen gewissen Glauben und keine Heilsgewißheit vermitteln.

Daß sich die protestantische Erweckungsbewegung für dieses Buch interessiert hat, ist für sie kein Ruhmesblatt und zeigt deren innere Verwandtschaft mit der mittelalterlichen katholischen Mystik. Vom stellvertretenden Sühnetod Christi, von der geschehenen Versöhnung, vom Vertrauen auf die Verheißungen des Evangeliums und von der Vergebung der Sünden findet sich in Thomas' Buch leider nichts. Daß Gott den Sünder aus Gnaden rechtfertigt, ist dem Mönch vom Niederrhein unbekannt. Das bedeutet auch, daß er kein Christenleben vortragen kann, das aus dem Glauben käme, sondern nur ein solches, das im Werk steht. Der Kern der biblischen Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, ist damit verkannt. Fazit: Wer gerettet werden und Jesus nachfolgen will, sollte sich anderswo informieren.