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Wohlfühlkirchentag



Eine Glosse von Bernhard Kaiser

Der Gießener Anzeiger (17. Juli 2006, S. 8) berichtet vom Ersten Kirchentag des Evangelischen Dekanats Kirchberg (bei Gießen): " ein voller Erfolg". Was machte ihn so erfolgreich? Es war offensichtlich das außerordentlich bunte und breit gefächerte Unterhaltungsangebot: Sternschnuppen-Gottesdienst, Chor der Pfarrerinnen und Pfarrer, Tanzgruppe "Frech & Nett", Dekanatskinderchöre, Kindertanzgruppe, Modenschau, Gospelchor, südamerikanische Percussion, Comedy, Breakdance, Ausdruckstanz, Meditation, Taizélieder, Strandcocktailbar, Mitmachaktionen so wesentliche Programmpunkte.

Das zehnstündige Programm bei Hochsommerwetter im Schatten der Kirche muß ein gelungener Event gewesen sein, bei dem die Lust auf Kurzweil und Geselligkeit die ca. 1500 Teilnehmer motiviert haben dürfte, mal zur Kirche zu gehen. Jedenfalls hat man den Eindruck, daß die Veranstaltung mehr den Charakter eines Volksfestes als eines Kirchentages hatte, denn das Kirchliche muß dem Bericht zufolge wohl nur als eine Art Firnis wahrnehmbar gewesen sein. Wenn der Propst für die "Lust auf Leben" wirbt und die Kirche diese nach der Art eines Volksfestes bedient, dann geht das am Evangelium vorbei. Ich kann und will niemandem die Lust an den geschöpflichen Gaben Gottes verderben. Wer sich daran freuen kann, soll es tun. Nur das Evangelium bietet mehr als einen die Sinne kitzelnden "Kirchen"-Tag. Es bietet Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus, ewiges Leben, Hoffnung über den Tod hinaus und Freude auf die neue Schöpfung. Es bietet nicht weniger den Geist der Liebe, die aus der Erkenntnis Christi kommt und weit über einen gemeinsamen Wohlfühltag hinaus mit dem Nächsten verbindet. Das alles aber scheint dem Zeitungsbericht zufolge nicht im Mittelpunkt gestanden zu haben.

Offensichtlich kommt eine Kirche, die die Eventgeilheit des sonst gelangweilten postmodernen Menschen bedient, bei den Leuten an. Das zeigt die vierstellige Teilnehmerzahl. "Kann ja nicht schlecht sein, wenn"s die Kirche macht", denkt wohl der Normalbürger. Doch eine Kirche macht sich lächerlich, wenn sie das gleiche bietet wie das nichtkirchliche Volksfest, nur mit religiöser Vertiefung. Kennen die beteiligten Pfarrerinnen und Pfarrer die biblischen Antworten auf die die Menschen bedrängenden Fragen nach Gott, Schuld, Vergebung und ewigem Leben nicht mehr? Haben sie nicht Wichtigeres zu sagen?

Gott gebe uns wieder Kirche, die ihm gehört und auf sein Wort hört.