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Ökumenische Gottesdienste?



Ein Zwischenruf von Bernhard Kaiser

Sie finden in steter Regelmäßigkeit statt. Ein Unglück größeren Ausmaßes geschieht, es gibt Dutzende von Todesopfern, und die kollektive Trauer wird in einem ökumenischen Gottesdienst in der Kirche des Unglücksortes verarbeitet. Politiker geben sich ein Stelldichein, auch jene, die sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Jedenfalls sind auf diese Weise die Herren Schröder und Fischer, das frühere Regierungstandem, auch mal in eine Kirche gekommen. Christliche Lieder werden gesungen, ein Bibeltext wird gelesen und wenn nicht gerade Gott für das geschehene Unheil auf die Anklagebank gesetzt wird, wird meistens auch etwas Richtiges gesagt.

Besser eine christliche Veranstaltung als gar keine oder als eine interreligiöse so mögen wir denken. Was bringt der gemeinsame Auftritt eines römischen Priesters und eines evangelischen Pfarrers? Er bringt nach außen hin das Signal, daß Christen gemeinsame Sache machen. Christen drohen in unserer Gesellschaft zur Minderheit zu werden und stehen angesichts eines selbstbewußt und kämpferisch auftretenden Islams und seiner wachsenden Anhängerschaft in unserem Land in der Defensive. So scheint die ökumenische Veranstaltung zu signalisieren: Noch ist der christliche Glaube unser gemeinsames Orientierungsdatum.

Das sagt im Prinzip auch der ökumenische Gottesdienst im Festzelt bei der Dorfkirmes. So areligiös wie anno 1976 will heute ja niemand mehr sein. Also wird auch der Festtrubel mit einer Andacht garniert, und weil ohnehin niemand mehr weiß, was die Unterschiede zwischen Protestantismus und Katholizismus sind, findet es niemand anstößig, die jeweils durch ihre Ordinationsgelübde gebundenen Pfarrer gemeinsam auftreten zu lassen.

Doch wir müssen schon genauer hinsehen. Wie gemeinsam ist die gemeinsame Sache? Theologisch sind der katholische Priester und der neuprotestantische Pfarrer gleicherweise von der modernen Theologie geprägt. Keiner von beiden ruft in seiner Rede zum Glauben an Christus. Gesetz und Evangelium, die doch eigentlich das Zentrum der evangelischen Predigt ausmachen, stehen nicht im Mittelpunkt. Dort stehen die religiöse Krisenbewältigung, der Wunsch, Gemeinschaft zu erfahren in der Trauer und dem Betroffensein und sich auch ohne die in der Person und dem Werk Christi begründete Hoffnung Mut zuzusprechen, das Bedürfnis, religiöse Gefühle zeigen zu können und gemeinsam das Bezogensein auf irgendeine unspezifische höhere Macht, die man Gott nennt, feiern zu können. Es sind Gottesdienste ohne den biblischen Christus, ohne den Herrn der Kirche, den Erlöser.

Konservative Christen suchen die Ökumene gerade darin, daß sie sich untereinander über Jesus und sein Werk verständigen. "Je mehr wir uns mit Jesus beschäftigen, desto mehr zeigt sich unsere Gemeinsamkeit im Glauben" so etwa lautete das Wort eines katholischen Würdenträgers. Sehr schön! Warum dann nicht Christus allein? so möchte man als Protestant fragen. Warum dann noch den Stellvertreter Christi, die Kirche und die Sakramente, die alle zwischen Christus und den Gläubigen geschoben werden und die das ökumenische Miteinander belasten?

Solange der Christus der Schrift uminterpretiert, religiös vereinnahmt, in Sakramente eingefangen und ohne sein Erlösungswerk dargeboten wird, ist jede Ökumene Augenwischerei und spiegelt die Tatsache wider, daß jeder seinen Jesus hat, aber keiner den Christus der Schrift. Wenn die Bibel ermahnt, daß wir am Wort des Lebens festhalten und kein anderes Evangelium predigen sollen, dann können wir das biblische Wort nicht mit allerlei menschlichen Wörtern kompromittieren und verfälschen. Rechter Protestantismus wird darum auf ein erkennbares und schriftgemäßes Bekenntnis wert legen und es nicht durch eine unheilige Zusammenarbeit mit Andersgläubigen außer Kraft setzen.