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Der Papst in der Türkei

Ein Kommentar von Bernhard Kaiser

Benedikt XIV. hat in den letzten Tagen in seiner sachlichen und unspektakulären Art eine diplomatische und kirchenpolitische Meisterleistung vollbracht. Seine Absicht, an der Schnittstelle zwischen Ost und West dem Frieden unter den Menschen zu dienen, verdient Respekt. Er hat die durch seine Regensburger Vorlesung unzufriedenen moslemischen Türken und wohl auch die Moslems weltweit wieder besänftigen und wenigstens vordergründig für sich gewinnen können indem er der These, der Islam sei eine friedliche Religion, zustimmte. Den angekündigten Gegendemonstrationen blieben die meisten Türken fern. Die Bilder von seinem Besuch in der Blauen Moschee in Istanbul, wo er und der Großmufti der Stadt betend nebeneinander standen, und das Votum, daß ein friedlicher Dialog unter den Religionen möglich sei, gingen durch die Medien. Daß der Papst auch "institutionell garantierte" Religionsfreiheit einforderte, werden nicht nur die in der Türkei lebenden Katholiken begrüßen, sondern auch die wenigen Protestanten.

Große Gesten gab es bei der Begegnung mit dem orthodoxen Patriarchen von Istanbul, Bartholomäus I. Man muß wissen, daß es gerade der damals immer ungenierter vorgetragene Papstanspruch war, Herr der ganzen Christenheit zu sein, der im Jahre 1054 zur Trennung zwischen der Ost- und der Westkirche führte. Den Dialog zwischen beiden Kirchen über die Rolle des "Petrusamtes" neu in Gang zu setzen um generell die Trennung zu überwinden, war eines der wesentlichen Ziele des Bayern aus Rom. Der Bruderkuß zwischen beiden mag durchaus ernst gewesen sein, denn nicht zuletzt nähern sich die Orthodoxen Kirchen allemal in ethischen Fragen schon seit langem den römischen Positionen an und der Kampf gegen den Säkularismus und die Auseinandersetzung mit dem Islam sind gemeinsame Anliegen. Es sei daran erinnert, daß gerade die Ostkirchen unter dem Ansturm des Islam mehr als andere Kirchen gelitten haben. Die gegenseitigen Verbannungsurteile sind seit 1965 ebenfalls Geschichte. Ob der ökumenische Brückenschlag wirklich zur Kirchengemeinschaft führt, sei dahingestellt, denn noch gibt es viele Unterschiede zu überwinden. Eine jahrtausendelange unterschiedliche Entwicklung zu überbrücken ist keine Angelegenheit von wenigen Jahren oder Jahrzehnten.

Die Reise in die Türkei, in ein Land, das im wahrsten Sinne des Wortes Brücke ist zwischen Ost und West, zwischen Christentum und Islam, macht deutlich, daß der römische Bischof gerade an dieser Stelle sowohl für die islamische Welt als auch für die Orthodoxen Kirchen der gemeinsame Referenzpunkt sein will. Die Tatsache, daß er auf beide zuging, ist ein Signal, daß der Vatikan sich für beide zuständig fühlt und mit beiden seine Politik machen und wohl beide für sich vereinnahmen will.

Doch als Vertreter einer Kirche überschreitet der Papst mit dem Signal an die moslemische Welt eine Grenze, die er billigerweise nicht überschreiten sollte, um nicht unglaubwürdig zu wirken. Die Betonung der Gemeinsamkeiten der beiden Religionen darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Islam an einen anderen Gott glaubt als die Christen. Er kennt die Trinität nicht, er kann Jesus nicht als Gott und Gottes Sohn bezeichnen, er hat kein Evangelium und entautorisiert die Bibel mit dem Koran. Darum kann der Islam kann in Sachen Religion kein Partner von Christen sein. Man kann gerade in Religionsangelegenheiten keinen Frieden gewinnen, wenn man bestehende Unterschiede kleinredet oder ausblendet. Die Religion bindet das Bewußtsein der Menschen bekanntermaßen viel stärker, als daß man sich über solch wesentliche Unterschiede hinwegsetzen könnte.

Was wird damit erreicht? Die römische Lehre meint, daß auch nichtchristliche Religionen unbewußt denselben Gott suchen wie die Christen. Sie sieht sie deshalb als solche an, die auf die Einheit mit Rom hin angelegt sind. Dann wäre der Moscheebesuch Teil einer langfristigen Vereinnahmungsstrategie. Doch er kann auch etwas ganz anderes sein: Ausdruck der Schwäche des christlichen Abendlandes und der inneren Preisgabe des christlichen Bekenntnisses. Das gemeinsame Gebet in einer Moschee ist eine zwar nicht ausdrückliche, aber eine verhüllte Anerkennung der religiösen Ansprüche des Islam. Dann aber wäre es um das Abendland schlecht bestellt. Es hätte selbst in seinem angesehensten Vertreter sein Bekenntnis und damit seine Kraft verloren. Dann sollte man sich darauf einstellen, daß nicht nur der Protestantismus, sondern auch der Katholizismus innerlich so ausgehöhlt ist, daß sie beide vom wieder erstarkenden Islam ohne Gegenwehr einkassiert werden können. Darum bezweifle ich, daß das Papsttum solche Avancen gegenüber dem Islam unbeschadet überleben wird.

Als Protestant kann ich gegenüber dem römischen Christentum wie auch gegenüber dem Islam nur betonen, was Petrus seinerzeit im Blick auf Jesus Christus den Juden sagte: "In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden" (Apg 4,12).