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Wer hat unsere Kinder?


Ein Kommentar von Bernhard Kaiser

In totalitären Systemen ist der Griff nach den Kindern ein wesentliches Mittel zur Sicherung von Macht und Einfluß. Wer die Kinder hat, hat die Zukunft. Nun sind die europäischen Staaten im Vergleich mit den Diktaturen von links und rechts im 20. Jahrhundert freiheitliche Staaten, aber das Interesse, die Kinder von frühester Kindheit an in die Obhut des Staates zu nehmen und zu geben ist nicht gering. Ursula von der Leyen, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat mit ihrem Vorhaben, die Zahl der Krippenplätze deutlich zu erhöhen, in den letzten Wochen eine umfangreiche Diskussion angestoßen. Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat die Antithese formuliert und damit ganz im Sinne Hegels die Diskussion angeheizt.

Daß es heute gutausgebildete Mütter gibt, kann nur positiv bewertet werden. Freilich, Bildung ist mehr als das Diplom in einem Studienfach. Zu ihr gehören auch eine reife Persönlichkeit, Weisheit, soziale Kompetenz, Sachkenntnisse, um die alltäglichen Aufgaben gut zu meistern, und nicht zuletzt die Furcht Gottes. Daß nun gerade gutausgebildete Frauen ihren Kindern und damit der Zukunft der Gesellschaft ihre Bildung versagen und ihre Kinder möglichst bald in eine "Krippe" abgeben möchten, um Geld zu verdienen oder Karriere zu machen, ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen, dem die Bundesministerin mit ihren Maßnahmen entsprechen möchte. Nun ist freilich nichts gegen eine berufstätige Frau zu sagen, erst recht nicht, wenn die ökonomischen Verhältnisse es wirklich erfordern. Man mag es begrüßen, wenn der Staat dazu Erleichterungen schafft.

Es geht indes um mehr als nur um Krippenplätze. Nach 6 Abs. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sind Pflege und Erziehung der Kinder "das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Dieses Recht sollte der Staat nicht nur respektieren, sondern seine Durchsetzung aktiv fördern.

Es ist eine Frage der Wertschätzung der Familie, ob sich eine Mutter ihren Kindern widmet oder nicht. Warum sollte eine Mutter nicht mehr als 1,4 Kinder haben und diesen gerade in ihrer frühkindlichen Entwicklung für mehrere Jahre zur Verfügung stehen? In dieser Phase sind eine stabile Mutter-Kind-Beziehung und eine intakte Geschwisterbeziehung für die psychische und soziale Entwicklung des Kindes bekanntermaßen von größter Bedeutung. Eine Mutter, die dieser Einsicht entspricht, tut damit mehr für ihre eigene Zukunft und die Zukunft der Gesellschaft, als an irgendeinem anderen Platz. Nirgendwann können Kinder mehr geprägt werden als in ihrer frühen Kindheit und Vorschulzeit. Darum gehören Kinder in die Familie und die Familie hat diese elementar-menschliche Aufgabe der Pflege und Erziehung der Kinder wahrzunehmen. Das Grundgesetz 6 Abs. 4 sagt: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft." Deswegen sollte man Bedingungen schaffen, daß Mütter für diese elementare und wichtige Aufgabe für mehrere Jahre freigestellt werden können und ihr (Wieder-) Einstieg in den Beruf sollte besonders gefördert werden.

Frau von der Leyen wird sich bemühen, Realpolitik zu machen. Deswegen wird es in Deutschland wohl mehr Krippenplätze geben, sofern der Bedarf da ist und sie finanzierbar sind. Doch wie bereits viele andere Erscheinungen spiegelt die aktuelle Diskussion darüber wider, daß die Keimzelle unserer Gesellschaft zerfällt und damit unsere Gesellschaft selbst. Das Angebot an Krippenplätzen hat in den ehemals sozialistischen Bundesländern nicht zu mehr Kindern geführt. Es ist darum zu befürchten, daß es auch im Westen nicht zu einer kinderfreundlicheren Gesellschaft führen wird. Trotz zahlloser Angebote fehlt vielen Eltern die Software, mit der sie ihre Familie konfigurieren und ihr Familienleben gestalten können. Positive Leitbilder sind ebensowenig vorhanden wie biblisches Wissen, anhand dessen Vater, Mutter und Kinder ihre jeweiligen Aufgaben und Verantwortung bestimmen können.

Deswegen ist ein viel grundlegenderes Umdenken notwendig. Angesichts der allgemeinen Erwartung, das Leben genießen und sich bestimmte Statussymbole leisten zu müssen, aber auch angesichts der in Schule und Medien ostinat vorgetragenen Möglichkeiten zu freiem Sex, zur Empfängnisverhütung einschließlich der Abtreibungspraxis ist eine bewußte Entscheidung für die Familie mit Kindern, also eine Entscheidung für das Leben und die Zukunft notwendig. Junge Männer sollten sich dafür entscheiden, zu heiraten, Väter zu werden und für ihre Familie zu sorgen, junge Frauen sollten bewußt die Ehe vor die Karriere stellen (das heißt nicht automatisch, daß sie darauf verzichten müßten, aber es kann es bedeuten) und in der Mutterschaft und der Erziehung von Kindern eine vorrangige Aufgabe sehen. Hierhin gehört auch die Entscheidung, ein Leben lang in der Ehe miteinander leben zu wollen, denn nur eine solche Ehe ist der Mühe wert.

Es ist dazu auch notwendig, dem gleichmacherischen neosozialistischen Gender Mainstreaming und vergleichbaren Ideologien in der öffentlichen Diskussion zu widerstehen und neu zu sagen, welches die Aufgaben und die Verantwortung eines Mannes und Vaters sowie einer Frau und Mutter sind. Mit anderen Worten, eine neue Software muß her, die die Familie stärkt.

Subjektiv erfordert das ein nicht geringes Maß an Einsatz- und Opferbereitschaft, für seine Kinder zu sorgen. Junge Eltern sollten sich bewußt machen, daß sie sich in der Wahrnehmung des traditionell christlichen Familienbildes auf einen steinigen Weg begeben, auf dem ihnen die Gesellschaft wenig Hilfe bietet. Doch eines muß man hinzufügen: Nichts lohnt mehr als die Investition von Zeit, Bildung, Kraft und Geld in die Familie. Diese Investition ist wie eine langfristige Anlage, die nach zwei bis drei Jahrzehnten hohe Zinsen bringt.